Radfahren in Zeiten der Pandemie

 

In der Pandemie haben viele Menschen das Fahrrad wiederentdeckt, lautet eine häufig geäußerte Vermutung. Viele Radhändler konnten zeitweise nicht liefern und gefühlt waren am Wochenende alle Radstrecken voller. Aber gibt es dafür auch harte Fakten?

 

Ein Hinweisschild zum RS1 in Mülheim an der Ruhr
Ein Hinweisschild zum RS1 in Mülheim an der Ruhr © Peter Beckhaus

In der Pandemie haben viele Menschen das Fahrrad wiederentdeckt, lautet eine häufig geäußerte Vermutung. Viele Radhändler konnten zeitweise nicht liefern und gefühlt waren am Wochenende alle Radstrecken voller. Aber gibt es dafür auch harte Fakten?

Im Kreisverband Oberhausen/Mülheim gibt es zwei professionelle Zählstellen für den Radverkehr: in Mülheim an der Ruhr auf dem RS1 in der Nähe des Hauptbahnhofs und in Oberhausen auf der Radtrasse am Centro. Beide messen ganzjährig über 24 Stunden am Tag. Die Messergebnisse werden im Internet tagesaktuell und nach beliebig auswählbaren Zeiträumen angezeigt.

Am 24. Oktober 2017 ist der Abschnitt des RS1 zwischen Mülheim an der Ruhr Hauptbahnhof und der Ruhr ("Hochpromenade") eröffnet und die dortige Zählstelle in Betrieb genommen worden. Seitdem sind über 1,5 Mio. Radfahrende gezählt worden, davon allein 773.464 (50,8%) im letzten Jahr. Mit durchschnittlich 2.113 täglichen Fahrten wurde der Wert von 2019 deutlich überschritten (Jahressumme 486.610; 1.333/Tag).

Schon nach der Eröffnung des Abschnitts zwischen Ruhr und Hochschule Ruhr West in Broich am 15. Mai 2019 stiegen die Nutzungszahlen deutlich an. Innerhalb eines Jahres passierten 650.748 Radfahrende (1.778/Tag) die Zählstelle und die Monatswerte stiegen gegenüber 2018 (240.958; 660/Tag) um das zwei- bis vierfache. Zur besseren Vergleichbarkeit die Werte aus 2019 und 2020 jeweils vom 16. Mai bis 31. Dezember: 400.990 (1.743/Tag) und 523.701 (2.277/Tag). In diesem Zeitraum gab es in 2020 gegenüber 2019 eine Steigerung um 30,6 %, bezogen jeweils auf das gesamte Jahr 58,9%!

Coronabedingt gab es von April bis Juni 2020 Rekordwerte mit durchschnittlich über 3.000 Fahrten am Tag, an mehreren Tagen weit über 6.000 Fahrten (Höchstwert: 6.769). Von Juni bis September lagen die Monatswerte jeweils rund 10.000 Fahrten über dem Vorjahresmonat und selbst im November gab es mit fast 51.000 Fahren noch mehr als doppelt so viele wie im Vorjahresmonat. Im Dezember passierten am besten Tag immer noch 2.445 Radfahrende die Zählstelle (Monatswert: 28.354, Vorjahresmonat: 20.242). Schlechtester Monat war mit 19.442 der Februar 2020 (Vorjahresmonat: 18.907). Trotzdem zeigt sich auch für die Wintermonate eine Steigerung: Lagen die Werte im Winter 2019/20 noch zwischen rund 20.200 und 23.300, erreichten sie im Winter 2020/21 bereits zwischen rund 25.700 und 28.300.

Die hohen Zahlen können auf das veränderte Freizeitverhalten während der Pandemie zurückgeführt werden, denn besonders an den Wochenenden von April bis Juni „schoben“ sich Massen über den RS1.

Während im Jahresschnitt 2.133 Radfahrende die Messstelle passierten, was die geforderte Mindestzahl von 2.000 Radfahrenden auf Radschnellwegen erfüllt, waren es zwischen Mai und Juni 2020 über 3.000, im April sogar 3.780. Es ist zu erwarten, dass mit der Fertigstellung weiterer Abschnitte des RS1 die Zahlen auch ohne Corona weiter steigen werden.

Etwas anders stellt sich die Situation an der Zählstelle in Oberhausen dar. Die ebenfalls autofreie Strecke verbindet die drei Stadtbezirke und befindet sich in der Nähe des Centro, sie besitzt aber nicht annähernd den Standard eines Radschnellweges. In den letzten drei Jahren hat es keinerlei Qualitätsveränderungen auf dem Radweg gegeben.

In 2020 haben 214.298 Radfahrende die Oberhausener Zählstelle passiert. Das sind 24,25% mehr als 2019 (172.472 Radfahrende), pro Tag im Durchschnitt 586 gegenüber 473 in 2019.

Die Monatswerte schwankten 2020 zwischen 6.302 im Februar (217/Tag) und 28.790 im Mai (960/Tag), in 2019 lag die Schwankung noch zwischen 4.267 im Januar (138/Tag) und 23.949 im Juli (773/Tag). Bis auf die Monate Februar und Oktober lagen die Werte in 2020 über denen von 2019.

Wenig überraschend stiegen die Nutzungszahlen coronabedingt im Mai (+12.207) und April (+10.406) gegenüber 2019 am stärksten an, während sie in den Sommermonaten Juli und August nicht einmal um 1.000 höher lagen als im Vorjahr.

Auch unabhängig von Corona ist ein positiver Trend erkennbar. Während in 2019 noch drei Monate über 20.000 und vier weitere Monate über 10.000 lagen, waren es 2020 sechs Monate über 20.000 und drei weitere Monate über 10.000. Nur die drei Wintermonate lagen darunter. In beiden Jahren lagen die Monate Januar bis März und Oktober bis Dezember jeweils unter dem Monatsdurchschnitt, die anderen sechs Monate darüber.

Noch ein kurzer Vergleich zu 2018, dem Jahr mit 179.650 Fahrten (492/Tag) und damit rund 7.180 mehr als 2019. 2018 lagen sechs Monatswerte unter den Werten von 2019 und 2020, vier dazwischen und in den Monaten Juli mit 26.252 (847/Tag) und Oktober mit 14.466 (467/Tag) lagen die Werte über den beiden Folgejahren. Im Juli und August 2018 lagen die Monatswerte in Oberhausen sogar leicht über denen in Mülheim an der Ruhr.

Eine ähnliche Steigerungsrate wie in Oberhausen meldet auch die Messstelle in Düsseldorf mit 21%. An anderen Orten ist allerdings die Zahl der Radfahrenden 2020 im Vergleich zu 2019 gesunken, so z.B. in Bonn (-1%), Dortmund (-7%) oder Münster-Innenstadt (-12%). Vielleicht kommt hier der ausgefallene Uni-Betrieb im Sommersemester zum Ausdruck. Wenn es also einen Corona-Effekt geben sollte, dann zumindest nicht in jeder Stadt.

mß/ah

 

Mülheim an der Ruhr

Oberhausen

2018

240.958 (660/Tag)

179.650 (492/Tag)

2019

486.610 (1.333/Tag)

172.472 (473/Tag)

2020

773.464 (2.133/Tag)

214.298 (586/Tag)

 


https://ob-mh.adfc.de/neuigkeit/radfahren-in-zeiten-der-pandemie

Häufige Fragen von Alltagsfahrern

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    Der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club e.V. (ADFC) ist mit bundesweit mehr als 190.000 Mitgliedern, die größte Interessenvertretung der Radfahrerinnen und Radfahrer in Deutschland und weltweit. Politisch engagiert sich der ADFC auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene für die konsequente Förderung des Radverkehrs. Er berät in allen Fragen rund ums Fahrrad: Recht, Technik, Tourismus.

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  • Was bringt mir eine ADFC-Mitgliedschaft?

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  • Was muss ich beachten, um mein Fahrrad verkehrssicher zu machen?

    Wie ein Fahrrad verkehrstauglich auszustatten ist, legt die Straßenverkehrszulassungsordnung (StVZO) fest. Vorgesehen sind darin zwei voneinander unabhängige Bremsen, die einen sicheren Halt ermöglichen. Für Aufmerksamkeit sorgen Radler*innen mit einer helltönenden Klingel, während zwei rutschfeste und festverschraubte Pedale nicht nur für den richtigen Antrieb sorgen. Je zwei nach vorn und hinten wirkende, gelbe Rückstrahler an den Pedalen stellen nämlich darüber hinaus sicher, dass Sie auch bei eintretender Dämmerung gut gesehen werden können. Ein rotes Rücklicht erhöht zusätzlich die Sichtbarkeit nach hinten und ein weißer Frontscheinwerfer trägt dazu bei, dass Radfahrende die vor sich liegende Strecke gut erkennen. Reflektoren oder wahlweise Reflektorstreifen an den Speichen sind ebenfalls vorgeschrieben. Hinzu kommen ein weißer Reflektor vorne und ein roter Großrückstrahler hinten, die laut StVZO zwingend vorgeschrieben sind.

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  • Worauf sollte ich als Radfahrer achten?

    Menschen, die Rad fahren oder zu Fuß gehen, gehören zu den ungeschützten Verkehrsteilnehmern. Sie haben keine Knautschzone – deshalb ist es umso wichtiger, sich umsichtig im Straßenverkehr zu verhalten. Dazu gehört es, selbstbewusst als Radfahrender im Straßenverkehr aufzutreten, aber gleichzeitig defensiv zu agieren, stets vorausschauend zu fahren und mit Fehlern von anderen Verkehrsteilnehmern zu rechnen.Passen Sie Ihre Fahrweise der entsprechenden Situation an und verhalten Sie sich vorhersehbar, in dem Sie beispielsweise Ihr Abbiegen durch Handzeichen ankündigen. Halten Sie Abstand von Lkw, Lieferwagen und Kommunalfahrzeugen. Aus bestimmten Winkeln können Fahrer nicht erkennen, ob sich seitlich neben dem Lkw Radfahrende befinden. Das kann bei Abbiegemanövern zu schrecklichen Unfällen führen. Beachten Sie immer die für alle Verkehrsteilnehmer gültigen Regeln – und seien Sie nicht als Geisterfahrer auf Straßen und Radwegen unterwegs.

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  • Was ist der Unterschied zwischen Pedelecs und E-Bikes?

    Das Angebot an Elektrofahrrädern teilt sich in unterschiedliche Kategorien auf: Es gibt Pedelecs, schnelle Pedelecs und E-Bikes. Pedelecs sind Fahrräder, die durch einen Elektromotor bis 25 km/h unterstützt werden, wenn der Fahrer in die Pedale tritt. Bei Geschwindigkeiten über 25 km/h regelt der Motor runter. Das schnelle Pedelec unterstützt Fahrende beim Treten bis zu einer Geschwindigkeit von 45 km/h. Damit gilt das S-Pedelec als Kleinkraftrad und für die Benutzung sind ein Versicherungskennzeichen, eine Betriebserlaubnis und eine Fahrerlaubnis der Klasse AM sowie das Tragen eines Helms vorgeschrieben. Ein E-Bike hingegen ist ein Elektro-Mofa, das Radfahrende bis 25 km/h unterstützt, auch wenn diese nicht in die Pedale treten. Für E-Bikes gibt es keine Helmpflicht, aber Versicherungskennzeichen, Betriebserlaubnis und mindestens ein Mofa-Führerschein sind notwendig. E-Bikes spielen am Markt keine große Rolle. Dennoch wird der Begriff E-Bike oft benutzt, obwohl eigentlich Pedelecs gemeint sind – rein rechtlich gibt es große Unterschiede zwischen Pedelecs und E-Bikes.

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  • Gibt es vom ADFC empfohlene Radtouren für meine Reiseplanung?

    Wir können die Frage eindeutig bejahen, wobei wir Ihnen die Auswahl dennoch nicht leicht machen: Der ADFC-Radurlaubsplaner „Deutschland per Rad entdecken“ stellt Ihnen mehr als 165 ausgewählte Radrouten in Deutschland vor. Zusätzlich vergibt der ADFC Sterne für Radrouten. Ähnlich wie bei Hotels sind bis zu fünf Sterne für eine ausgezeichnete Qualität möglich. Durch die Sterne erkennen Sie auf einen Blick mit welcher Güte Sie bei den ADFC-Qualitätsradrouten rechnen können.

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